Neuigkeiten Die stille Doppelschicht - Was pflegende Angehörige im Betrieb mit Ihrer Fürsorgepflicht zu tun haben
08. April 2026

Die stille Doppelschicht - Was pflegende Angehörige im Betrieb mit Ihrer Fürsorgepflicht zu tun haben

Ein Jahresbericht einer regionalen Fachstelle für Betreuungs- und Pflegegeld liefert selten Schlagzeilen. Und doch lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was solche Berichte dokumentieren – denn hinter den Zahlen steckt eine gesellschaftliche Verschiebung, die längst in den Betrieb hineinwirkt. Der aktuelle Bericht 2025 zeigt: Die Fallzahlen in der häuslichen Pflege steigen, die Ausgaben wachsen, und der Anteil junger Erwachsener mit psychischen Erkrankungen als Pflegegrund nimmt zu. Für HR-Verantwortliche und Führungskräfte ist das kein sozialpolitisches Randthema – es ist ein Hinweis auf eine Belastungsquelle, die in den meisten Organisationen noch systematisch unterschätzt wird.

Was die Pflegestatistiken über Ihren Betrieb sagen

In Deutschland übernehmen rund 5,5 Millionen Menschen Pflegeverantwortung für Angehörige – die große Mehrheit davon neben einer Erwerbstätigkeit. Das Statistische Bundesamt schätzt, dass mindestens ein Fünftel aller Erwerbstätigen in einer bestimmten Phase ihres Berufslebens informelle Pflegeaufgaben wahrnimmt. In Organisationen mit 50 bis 200 Beschäftigten bedeutet das: Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind gerade jetzt mehrere Mitarbeitende betroffen – sichtbar oder nicht.

Die steigende Zahl jüngerer Pflegebedürftiger mit psychischen Erkrankungen verschärft die Situation auf eine wenig beachtete Weise: Wer einen Elternteil mit Demenz pflegt, folgt oft noch vergleichsweise klaren Verlaufsmustern. Wer einen Partner, ein Geschwisterkind oder sogar ein Kind mit einer schweren psychischen Erkrankung begleitet, bewegt sich in einem Umfeld hoher Unvorhersehbarkeit, emotionaler Erschöpfung und gesellschaftlicher Stigmatisierung. Diese Form der Pflege hinterlässt selten Spuren in Krankmeldungen – zumindest nicht sofort.

Warum pflegende Angehörige im Abwesenheitsbild oft unsichtbar bleiben

Das ist das eigentliche Problem: Pflegende Angehörige kompensieren. Sie verschieben Arzttermine auf frühe Morgenstunden. Sie nehmen Urlaub, wenn die Haushaltshilfe ausfällt. Sie arbeiten abends nach, weil sie tagsüber einen Krisentermin beim Betreuungsgericht hatten. Ihr Abwesenheitsmuster wirkt auf den ersten Blick unauffällig – vielleicht sogar besonders pflichtbewusst.

Was sich erst über Monate zeigt: eine schleichende Erschöpfung, die sich in kleinen Signalen ausdrückt. Häufiger genutzter Resturlaub im letzten Quartal. Mehr Einzeltage Kurzerkrankung. Rückgang von Eigeninitiative und Projektengagement. Keines dieser Muster ist für sich genommen alarmierend. Zusammen betrachtet, über einen längeren Zeitraum, zeichnen sie ein deutlicheres Bild.

Wer einzelne Fehltage zählt, sieht nur Symptome. Wer Muster liest, erkennt Ursachen.

Führungskräfte, die nur auf aktuelle Krankmeldungen schauen, verpassen den Moment, in dem Unterstützung noch wirksam wäre. Bis ein Burnout formell diagnostiziert ist, hat die betroffene Person oft bereits ein bis zwei Jahre im Grenzbereich gearbeitet.

Was Organisationen tun können – und was sie lassen sollten

An dieser Stelle ist eine klare Unterscheidung wichtig: Es geht nicht darum, in das Privatleben von Mitarbeitenden einzudringen oder Pflegesituationen zu erfragen. Das wäre weder rechtlich unproblematisch noch kulturell ratsam. Es geht darum, eine Umgebung zu schaffen, in der Mitarbeitende sich früh genug melden können – und in der Führungskräfte die Signale erkennen, bevor eine Krise eintritt.

Konkret bedeutet das drei Dinge:

Strukturell Spielraum schaffen: Flexible Arbeitszeitmodelle, Möglichkeiten zur kurzfristigen Anpassung von Stunden und klare Regelungen zur Pflegezeit nach dem Pflegezeitgesetz sind keine Großzügigkeit – sie sind Voraussetzung dafür, dass Betroffene überhaupt im Betrieb bleiben können. Wer diese Strukturen nicht kennt, verliert Mitarbeitende still und ohne Übergabe. Gesprächskultur normalisieren: In vielen Betrieben gilt es als unprofessionell, private Belastungen anzusprechen. Das ist ein Irrtum mit teuren Folgen. Führungskräfte, die regelmäßige, niedrigschwellige Gespräche über Arbeitsbelastung führen – nicht als HR-Event, sondern als Teil des normalen Miteinanders – erfahren früher, was im Team passiert. Muster systematisch beobachten: Arbeitszeit- und Abwesenheitsdaten, die ohnehin erfasst werden, können mehr leisten als die reine Lohnabrechnung. Veränderungen im Urlaubsverhalten, Häufung von Kurzabwesenheiten oder ungewöhnliche Überstundenmuster über mehrere Wochen sind Hinweise, die eine informierte Führungskraft ernst nehmen sollte – ohne Anlass für konfrontative Gespräche zu sein.

Der gesellschaftliche Kontext wird nicht verschwinden

Die Daten aus dem Pflegebericht 2025 beschreiben keinen Ausreißer. Sie beschreiben einen Trend. Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland ist in den letzten zehn Jahren um mehr als 60 Prozent gestiegen. Der Anteil der häuslichen Pflege – also der informellen, von Angehörigen geleisteten – liegt weiterhin bei über 70 Prozent. Und die psychische Gesundheit junger Erwachsener hat sich seit der Pandemie messbar verschlechtert: Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen hat laut DAK-Gesundheitsreport 2024 einen neuen Höchststand erreicht.

All das bedeutet: Der Anteil von Beschäftigten, die gleichzeitig berufliche Leistung erbringen und private Pflegeverantwortung tragen, wird in den kommenden Jahren weiter steigen. Organisationen, die darauf nur reaktiv antworten – mit Krankenrückkehrgesprächen nach dem Ausfall, mit BEM-Verfahren nach langer Fehlzeit – handeln zu spät und zahlen dafür doppelt: einmal in Produktivität, einmal in Vertrauen.

Fazit: Fürsorge beginnt vor der Krise

Pflegende Angehörige im Betrieb sind kein Randphänomen und keine Privatsache, die Organisationen nichts angeht. Sie sind ein strukturelles Thema, das wächst – und das mit vorausschauender Führung besser gehandhabt werden kann als mit nachträglichen Maßnahmen.

Die entscheidende Verschiebung liegt im Timing: Nicht warten, bis jemand zusammenbricht, sondern früh genug erkennen, wann jemand an seine Grenzen kommt. Das setzt keine aufwendigen Programme voraus. Es setzt eine Haltung voraus – und die Bereitschaft, vorhandene Informationen bewusst zu lesen statt routinemäßig abzuhaken.

Für HR-Verantwortliche bedeutet das konkret: Überprüfen Sie, ob Ihre Organisation die rechtlichen Instrumente der Pflegezeit kennt und kommuniziert. Fragen Sie in Teamleitungen nach, ob das Thema Pflegebelastung überhaupt gesprächsfähig ist. Und schauen Sie in die Daten – nicht um zu kontrollieren, sondern um früh genug zu verstehen, wo Unterstützung gebraucht wird.

Gesunde Organisationen entstehen nicht durch bessere Krisenreaktionen. Sie entstehen durch die Fähigkeit, Krisen früh zu erkennen und ihnen zuvorzukommen.


Quellen

  • Jahresbericht 2025, Fachstelle für Betreuungs- und Pflegegeld (regional, Deutschland)
  • Statistisches Bundesamt: Pflegestatistik 2023 – Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung
  • DAK-Gesundheitsreport 2024: Schwerpunkt psychische Erkrankungen und Arbeitsunfähigkeit
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Vereinbarkeit von Pflege und Beruf (2023)
  • Pflegezeitgesetz (PflegeZG) und Familienpflegezeitgesetz (FPfZG), aktuelle Fassung